< Schwein gehabt!
09.04.2020 15:50 Alter: 331 days
Kategorie: Schulnews
Von: NN

„School on air“


Wie begegnet man als Schule Nie-Dagewesenem?

Ein Bericht aus dem pädagogischen Alltag in Zeiten von Corona

Zwei Tage Zeit hatten wir. Exakt zwei Tage. Vom Bekanntwerden der geplanten Schulschließungen – sinnigerweise über die Medien – bis zum letzten Schultag. Und in diesen zwei Tagen sollten wir, die Pädagoginnen und Pädagogen ein fertiges Konzept für etwas nie Dagewesenes präsentieren können: Ein System, das auf Präsenz basiert – in ein kontaktloses, digitales, fehlerfrei funktionierendes Lerninstitut verwandeln. Corona macht´s möglich? Nein – Kreativität macht´s möglich. Das Konzept „School on air“ war geboren.

Die Basis dieses Konzeptes war an der HAK/HAS Lustenau bereits seit zwei Jahren fleißig gelegt worden: Da wir dank „BYOD“ („bring your own device“) unsere zweiten Jahrgänge via Laptop unterrichteten, wurden auch die Kompetenzen aller Lehrkräfte in Office 365 und weiteren nützlichen Tools des digitalen Lernens geschult – bevor sich auch nur im mindesten jemand vorstellen konnte, wie sehr wir dieses Wissen dank eines fiesen Virus´ schon kurze Zeit später benötigen würden.

Bereits in der ersten E-Learning-Woche wurde zudem ein Team von Freiwilligen aktiv, die sich spaßeshalber „Nerd Profs“ nannten – IT-affine Kolleginnen, die allen anderen kurze Video-Tutorials gegen die kleinen Unbillen des digitalen Lehrens zur Verfügung stellten – denn wer von uns hatte jemals per Videokonferenz unterrichten müssen oder sich sämtliche Aufgaben digital abgeben lassen? Mittlerweile verfügen die „Nerd Profs“ sogar über einen abonnierbaren YouTube-Kanal – frei zugänglich für Schüler wie Lehrer.

Komplettiert wird das Support-Angebot durch einen wöchentlichen Newsletter, der ins Leben gerufen wurde, um über die aktuellsten Entwicklungen bei Programmen und Tutorials ebenso zu informieren wie Bewegungstipps für übermäßig vor dem Laptop gekrümmte Lehrerrücken weiterzugeben.

Sozial distanziert gestaltete sich mit einem Schlag übrigens natürlich nicht nur das Lernen, sondern auch die Kommunikation unter den Lehrkräften. Auch hier leisteten Videokonferenzen zwischen Klassenvorständen, der Schulleitung und dem Nerd-Prof-Krisenstab gute Dienste. Und innert weniger Tage war es völlig selbstverständlich, sich mit einem Kaffee vor den Laptop zu setzen, statt an die Kaffeetheke im Schulhaus. Nebeneffekte dieser neuen Art von Kommunikation gibt es auch: So viel Einblick in die Wohnzimmer, Küchen und Büros von Kolleg*innen und Kollegen hatten wir nie. Kollegin A hat ein halbes Tonstudio daheim, Kollegin B hat sich zur Aufmunterung selbst gebastelte Herzen an die Wand gepinnt, Kollege C stellte uns seine einjährige Tochter vor und bei Kollegin D gab es freitags zum Mittagessen Spinat und Spiegelei.

Apropos leibliches Wohl: Die Vermischung von Privatem mit dem Beruf kann eine gefährliche Dimension annehmen – das mussten auch einige Kolleg*innen bereits schmerzlich verspüren. Dauernde Erreichbarkeit auf diversen digitalen Kanälen minimiert nicht nur die für Persönliches zur Verfügung stehende tägliche Zeit – sie kann auch zu Symptomen von Überforderung und Stress führen.

Abhilfe leisteten hier die findigen Schülerreporter unseres neuen schuleigenen Podcasts, denen es gelang, einen Start-up- Unternehmer auf einem neuseeländischen Boot, das zur Zeit eine Zwangspause in einem französischen Hafen einlegen muss, zu interviewen. Als Experte in Sachen remote work und digital hygiene hatte er natürlich einige Tipps für Schüler und Lehrer, wie mit der neuen Situation umgegangen werden kann. Wussten Sie, dass erfahrene IT-Unternehmer ihre Kommunikationskanäle auf Zeit schließen, wenn sie konzentriert an einem Projekt arbeiten? Sich nicht mehr auf Chat-Kanälen oder Mail-Accounts blicken lassen? Dass sie sich technikfreie Zeiten im Tag einplanen? 

Technikfrei geht es leider auch bei manchen unserer Schüler*innen daheim zu – oder zumindest technikreduziert. Manch ein Laptop leistet im Moment Überstunden, im Dauereinsatz für sämtliche Familienmitglieder – da muss man sich seine „Computerzeit“ gut einteilen. Diese Schüler bestmöglich zu unterstützen, bedeutet für Pädagogen auch, angepasste Aufgabenstellungen zu vergeben, die zur Not auch nur vom Smartphone aus erledigt werden können. Denn dieses, das Lieblingsspielzeug unserer Jugendlichen, erhält dadurch einen nie gekannten Status – als dringend benötigtes Arbeitsgerät.

Fragen Sie sich vielleicht gerade, woher uns Pädagogen die Dichte an digitalen Endgeräten in unseren Klassen bekannt ist? Feedback lautet das Zauberwort. Mittlerweile werden flächendeckend nicht nur Lehrpersonen, sondern selbstverständlich auch die Schüler*innen zu ihrem Lernfortschritt, zu ihrem persönlichen Befinden und zu benötigten Hilfestellungen befragt. Die Ergebnisse dieser Online-Befragungen liefern wichtige Basisdaten für die Tätigkeit der Pädagogen.

Eine interessante Erkenntnis aus den Rückmeldungen unserer Schülerinnen und Schüler war das Eingeständnis, dass der Arbeitsaufwand durch digitales Lernen nicht nur auf Lehrerseite gewachsen ist. Denn während sich Erstere durch einen schier unüberwindbaren Berg an digital abgegebenen Aufgabenstellungen korrigieren, müssen sich Letztere sehr bemühen, die Abgabefristen ihrer Aufgaben nicht zu überschreiten, sich täglich selbst neu für die schulische Arbeit zu motivieren und völlig selbstständig eine Struktur in ihren Lernalltag zu bringen. Ganz zu schweigen vom Leiden unter der fehlenden sozialen Interaktion mit den Mitschülern, die auch noch über diverse digitale Kanäle organisiert werden muss.

Ja, unglaublich – manchen Schüler berichten gar davon, dass es ihnen eine Freude ist, die Stimmen ihrer Lehrer über Audio- oder Videokanäle zu hören. Ein ganz neues Bild vom lästigen „Pauker“ entsteht da. Und wenn man die Mitschüler via Flipgrid oder Videokonferenz ihre Arbeiten vorstellen sieht, dann schleicht sich doch tatsächlich so etwas wie Spaß daran ein, sich gegenseitig zuzuhören. Einfach nur, weil man so froh ist, seine Pappenheimer mal wieder persönlich zu sehen.

Nach den Osterferien wird es deshalb unser erklärtes Ziel als Schule sein, die soziale Interaktion in den vielseits geschätzten Klassenräten in den digitalen Raum zu verfrachten. Denn „school on air“ bedeutet eben nicht nur, Wissen zu vermitteln – es bedeutet auch, uns um das Wohlbefinden unserer Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Damit sich nach der Corona-Zeit ein eingeschworenes Team über die gemeinsam bestandene Herausforderung freut und sich nicht ein Heer von Einzelkämpfern ernsthaft fragt, ob man sich morgens wirklich aus dem Bett quälen sollte oder lieber gleich liegen bleibt.